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NDR Nachrichten: 1.3.2015

Ein Dorf steht auf gegen Rechte und Rocker

Das Dorf Güntersen bei Göttingen hatte es im letzten Jahr nicht leicht. Vier Mal trafen sich dort die deutschen Bosse der Rockergruppe "Hells Angels". Irgendwann wurde es der Dorfgemeinschaft zu viel, sie leistete Widerstand und bat Landes- und Bundespolitiker um Unterstützung. Unheilvoll blickten die Günterser auch auf den 28. Februar 2015. Für diesen Tag hatte die Partei "Die Rechte" einen Marsch mit Kranzniederlegung zum Gedenken an Horst Wessel in Güntersen angemeldet. Dabei hatte der 1930 erschossene SA-Sturmführer Wessel gar keine Beziehung zum Dorf. Der Aufmarsch und die Göttinger "Hells Angels" wurden zwar verboten, Güntersen wollte trotzdem ein Zeichen setzen und organisierte darum am Sonnabend ein Frühlingsfest, mit politischen Reden und Kulturprogramm.

 


 

Güntersen zieht protestierend in den Frühling

"Über 1.200 Menschen sind zum Frühlingsfest gekommen", freut sich Dorfbewohner und Festorganisator Bernd Lehr. Die Zufahrtswege in den Adelebser Ortsteil Güntersen sind am Sonnabend komplett zugeparkt. Zwischen Festzelt, Kirche und Gasthof tummelt sich eine wahrlich bunte Mischung. Von alteingesessenen Güntersern und Besuchern aus dem Umland über Landes- und Bundespolitiker hin zu Künstlergruppen und Antifaschisten. Genau diese Mischung hatte sich Bernd Lehr erhofft. Als die Partei "Die Rechte" im Sommer vergangenen Jahres ihren Marsch durch Güntersen angekündigte, setzte man sich im Dorf zusammen und überlegte: Was können wir tun? Statt eine Gegendemontration zu organisieren, wurde das Frühlingsfest geplant - für Zivilcourage, gegen Nazis, gegen "Hells Angels". "Dabei haben wir sehr früh auch das Göttinger Bündnis gegen Rechts und die Antifa-Gruppe A.L.I. eingebunden", sagt Lehr. "Auf dem Friedhof, wo ein Kranz zum Gedenken von Horst Wessel niedergelegt werden sollte, sind mehrere NS-Zwangsarbeiter begraben", sagt Johannes Roth von der A.L.I. Statt an Horst Wessel wurde während des Frühlingsfests am Sonnabend dieser Zwangsarbeiter gedacht.

 

Ökumene gegen Fremdenfeindlichkeit und Faschismus

Die Zusammenkunft verschiedener Gruppen, die bunte Mischung auf dem Günterser Frühlingsfest zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Tag. Der Gottesdienst im Festzelt wird vom Göttinger Runden Tisch der Abrahamsreligionen abgehalten. Vertreter von katholischen, evangelischen, jüdischen und islamischen Gemeinden predigen Auszüge aus dem alttestamentatischen Buch Micha oder das Vater Unser. "Wir wollen gemeinsam ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Faschismus setzen", sagt Superintendent Friedrich Selter. Der Protestant beschwört das friedliche, dörfliche Lebens in Güntersen, das es zu verteidigen gelte. "Güntersen hat gut daran getan, keine Gegendemo zu organisieren, sondern ein gemeinschaftliches, buntes Fest", sagt Selter. Um diese Gemeinschaft zu beschwören, dirigiert Selter zum Schluss des Gottesdienstes das Publikum. Im Kanon wird "Herr gib uns deinen Frieden" gesungen.

 

Bundes- und Landespolitiker kommen nach Güntersen

Auch bei den anschließenden politischen Reden bleibt es bunt. Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel bedankt sich für den Gottesdienst und lobt die Dorfgemeinschaft für ihre Zivilcourage. "Dieser Anlass zeigt, wie wichtig es ist, dass die Zivilgesellschaft dafür eintritt, sozialen Frieden und öffentliche Sicherheit zu wahren und zu sichern." Langer Applaus. "Das was ich hier in Güntersen erlebt habe, als ich im letzten Herbst auf einer Bürgerversammlung war, hat mich sehr beeindruckt", ergänzt der Göttinger SPD-Abgeordnete und Bundestags-Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten, Thomas Oppermann. Auch der Bundestagsabgeordnete der Grünen Jürgen Trittin bedankt sich bei den Güntersern für ihren Mut: "Als ihr im wahrsten Sinne des Wortes von Rockern und Rechten heimgesucht wurden, habt ihr euch nicht weggeduckt, sondern seit aufgestanden." Der Göttinger Arbeitskreis Asyl kommt zusammen mit Flüchtlingen auf das Podium und schlägt etwas schärfere Töne an. Die Gruppe fragt nach der Ursache von rechtsextremen Gedankengut und sieht die Ursache auch bei den Boulevardmedien: "Wenn man eine Asylflut herbeischreibt, dann ist das die Begleitmusik von zunehmender Gewalt und Brandanschlägen". Die Besucher im Festzelt applaudieren.

 

Göttinger Symphoniker sorgen für Freudentränen

Für Beifall und vor allem für Rührung sorgt auch das Göttinger Symphonie Orchester. Weil die Kirche in Güntersen zu klein ist, hat Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller das Orchester aufgeteilt. Die Blechbläser spielen Renaissance-Musik, die Holzbläser interpretieren Mozart und die Streicher swingen, mal mit Bogen, mal gezupft. Zwischendurch stellt Mueller die einzelnen Musiker vor. "Wir haben über 23 Nationen in unserem Klangkörper, diese Gemeinschaft funktioniert nur, wenn man wirklich aufeinander zugeht und auch einander zuhört", sagt Mueller. Das Orchester stehe für Vielfalt und Weltoffenheit. "Deshalb war es uns auch so wichtig hier teilzunehmen", so der Dirigent. Ähnlich wie bei dem Gottesdienst wird auch hier das Publikum am Schluss mit eingebunden. Nun spielt das Orchester zusammen Beethovens "Ode an die Freude". Mueller selbst steht zum Publikum und dirigiert die Konzertbesucher, die den Chor singen. Nach dem Konzert verharren manche Besucher auf ihren Plätzen. "Dass die Menschen hier gegen Rechts aufstehen und auch das Göttinger Symphonie Orchester hierher kommt, das rührt mich total an", sagt eine Frau. Auch ihre Sitznachbarn sind gerührt, sie haben Tränen in den Augen - Freudentränen.

 

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